Querfeldein im Winter in Belgien

Nicht nur die Sportgeräte Ski und Schlittschuhe repräsentieren den Wintersport, es gibt ihn auch auf 2 Rädern. Auf der Suche nach einem angemessenen Jahreseröffnungsritual für wahre Velozipedisten, erinnerte ich mich an die tiefen Sandpassagen der Cyclocrossstrecke im Freizeitpark Zilvermeer in Mol (Belgien), wo seit 2014 zur Jahreswende ein UCI Crossrennen stattfindet. 2019 durfte ich sehr eindrücklich den Unterschied zwischen der überlegenen Eleganz eines M. van der Poel auf dem Fahrrad und meinen schneckengleichen Bewegungen auf der sandigen Rennstrecke erleben – es war ein Höhepunkt meines Radsportlerlebens, denselben Crosskurs wie der Campionissimo unserer Zeit 2 Tage vor ihm anlässlich der Master WM befahren zu haben.

Also beschlossen Britta und ich mit der Familie den Jahresbeginn mit einem Besuch beim Exact Cross in Mol und beim Weltcup Cross in Zonhoven zu feiern. Am 2. Januar stand die Familie mit ca. 12 000 cycle cross Begeisterten pünktlich zum Start der Elite-Frauen an der Strecke. Die Sonne schien und die Sandabschnitte der Strecke glänzten silbern. In der 3. Runde dann zog blitzschnell eine Schneefront auf und färbte das Gelände weiß und die Gesichter und Hände der Fahrerinnen rot. Um den widrigen Wetterverhältnissen schnell zu entkommen, wurde das Tempo erhöht und Ceylin del Carmen Alvarado gewann das Rennen. Kommentar meiner Frau: Sie hat nur gewonnen, weil Lucinda Brand nicht am Start war?! Meine Antwort: Ceylin hat das schönere … Fahrrad. Dies als ein Beispiel für das hohe Niveau der innerfamiliären Sportexpertise.

Das Schneegestöber bildete dann die Bühne für einen erwarteten Höhepunkt der Crossaison, das Duell zwischen MvdP und WvA, den Rivalen seit der Juniorenklasse. Schnell wurde deutlich, die meisten der ca. 12 000 Zuschauer gehörten zum erweiterten Kreis des WvA-Supporter Clubs, und sie erwarteten einen Sieg ihres Nationalhelden. Wout zeigte von Anfang an seine Entschlossenheit, als Gewinner das Rennen zu beenden. Wie in seinen Glanzzeiten als mehrfacher Crossweltmeister beherrschte er den Rennverlauf, MvdPs Siegesserie – 8 aufeinander folgende Siege in der aktuellen Saison – schien an ein Ende gekommen zu sein. Dann 2 Runden vor Schluss verebbte der Jubel. Nach einem Sturz auf dem schneebedeckten Boden versuchte Wout nur hinkend im Pit Stopp sein Fahrrad zu wechseln, um sich dann aber selbst auszuwechseln. Es war wohl eine Premiere seiner Radsportlaufbahn, dass er ein Rennen mit einem DNF beendete, aber nicht das 1. Mal, dass eine Sportverletzung ihn für viele Wochen vom Renngeschehen fernhalten wird.

Zwei Tage später fand unser WinterVeloFestival im sonnigen Zonhoven seine Fortsetzung. Temperaturen um den Gefrierpunkt, ein strahlend blauer Himmel und ein schneebedecktes Gelände mit einer Rennstrecke, die bis auf die Start- und Zielstrecke mit festem Schneebelag versehen war, bildeten die Kulisse für den Auftritt der weltbesten Kunstradfahrer. Den Höhepunkt des Streckenverlaufs stellt eine ehemalige Sandgrube mit einer Tiefe von ca. 15 Metern dar, die auf zwei Wegen durchquert werden muss. Die Anlage mit Tausenden begeisterten Zuschauern, die sich diesen Leckerbissen der radfahrerischen Artistik und den Wettkampf der Größten des Radsports, nicht entgehen lassen wollten, rief in mir das Bild eines Amphitheaters hervor, in dem auf der Bühne die olympischen Halbgötter um den Lorbeerkranz kämpfen. Die Rolle des kommentierenden Chors, wie es ihn in der Antike gab, übernahm ein Sprecher, der speziell die Aktivitäten im Amphitheater kommentierte. In jeder Runde wurde die Ankunft des Führenden MvdP in der Kiesgrube angekündigt, es klang ähnlich wie die Ankündigung des Weltmeisters im Boxring.

Der Ausgang des Rennens entsprach den Erwartungen, der aktuelle Dominator MvdP glitt über den Schnee und durch den tiefen Sand auf- und abwärts wie auf Schienen bis zur Ziellinie. Den tosenden Beifall empfing er wie eine Selbstverständlichkeit. Der Sieger der Herzen wurde Thibau Nys, Sohn von Sven Nys, einer belgischen Crosslegende, der neben MvdP als einziger Fahrer den Anstieg aus dem Amphitheater sitzend bewältigte und sich mit einer Geste zum Publikum für den Beifall bedankte. Nachdem er in der Abfahrt durch tiefen Sand schlingerte, die Kontrolle über sein Fahrrad verlor, über die Absperrung fiel und die rechte Lenkerhälfte abbrach, gab er die Hoffnung auf einen Podiumsplatz, aber nicht das Rennen auf. Er lief zum Pit Stopp, wechselte das Fahrrad, und fuhr auf den 19. Platz und in die Herzen der anwesenden Radsportfans. Er erhielt die höchste Note für die Kür, musste aber einen Punkteabzug bei der Pflichtnote hinnehmen. Auch wenn das Reglement eine Rangfolge vorschreibt, fällt es mir schwer, dem einen oder anderen Fahrer (m/w) eine schlechte Pflichtnote zu geben. Die Kunstfertigkeit, mit der sie alle den anspruchsvollen Kurs auch bei winterlichen Bedingungen bewältigten, zu erleben, ist für jeden Freund des Radsports ein Genuss; und ein Ansporn, das eigene Training zu intensivieren und zu verfeinern. Bei meinem Rundgang durch das Fahrerlager habe ich eine interessante Information bekommen: die Mechaniker, mit denen ich gesprochen habe, haben mir bestätigt, dass ihre Fahrer auf Schlauchreifen fahren. Tubular trotz hype um tubeless.

Anmerkung: Ein weiterer Genuß für mich wäre es gewesen, wenn die verletzten Wout van Art und Laurence Sweeck am Rennen hätten teilnehmen können. Wout ist wohl der einzige Konkurrent von MvdP, der sein Niveau erreichen kann, und Laurence Sweek, der Sandmann, ist aktuell der Fahrer, der in den letzten Rennen nur 7 Sekunden Rückstand auf MvdP hatte. Mögen sie komplikationslos genesen.

Stephan Hohenschild